Verrückt nach Ska?

Neugierde, Reiselust und Laufbereit-schaft, das kleine Einmaleins des flei-ßigen Reporters, führten mich letztes Jahr zu einem kleinen Ska-Festival im Melkweg / Amsterdam, wo ich die orts-ansässige Band VENUS HILL entdek-kte. Was sich vor meinen Augen und Ohren abspielte, war eines der fri­schesten und unterhaltsamsten Ska-Konzerte seit langem.

Vier Bläser und drei Sängerinnen, die ihre dicke Portion klassischen Ska nicht nur gelernt, sondern wirklich verinnerlicht haben. Sie hatten ein Intro! Sie traten in Anzügen auf! Die Mädels hatten so eine Art Schuluniform an. Die Bläser hatten nicht nur fette Melodien dabei, sondern gaben sich während des feinen Spiels auch noch einer ausgefeilten Tanz-Choreographie hin! Die Stücke waren schneller und rhythmisch pointierter Ska, der nicht von den Crossover-typischen Metal-/Punk-Strecken unterbrochen war. Aber auch der Punk wurde gekonnt vor­getragen, was selten ist und eine gute Band in diesem Bereich eindeutig aus- zeichnet. Ich war hingerissen! Das Interview machte ich später mit einer der Sängerinnen, Karolien, verfeinert durch Beiträge von Jochem (pos.) und Stefan (git).

Die erste Eintragung im Bandbuch datiert von 1997: Eine Anzahl Freunde ist auf dem Weg zu einem NO DOUBT-Konzert. Der für diesen Zweck geliehene Bus ver­fügt über keinerlei musikalische Unterhaltung, also beschließt man, selbst zu singen. Den Bus fährt Stefan, der bereits in der einen und anderen Metal-Band Gitarre gespielt hat, und neben ihm sitzen Sylvia, Chantal und Karolien. „Wir haben da vorne wirklich sehr laut gesun­gen. Stefan meinte, unsere Stimmen wür­den gut zusammen passen und schlug vor zu probieren, daraus eine Band zu machen. Wir planten eigentlich nichts, es passierte einfach." Man trifft sich ein paar Mal, Schlagzeug und Bass werden vor­übergehend mit Bekannten besetzt und noch vor dem ersten Auftritt verlässt Chantal die Band und wird durch Lalaine ersetzt. Es wurde erst einmal eine kleine CD namens 'Whatever' hergestellt „Dass wir nur acht Lieder auf der CD haben, war ein rein finanzielles Problem. Da Tonstudios doch recht teuer sind, haben wir innerhalb der Band demokratisch abgestimmt, welche Lieder wir am meisten mögen." Die Wahl fiel auf Lieder aus jeder denkbaren Periode der Band. Herausgekommen ist eine sehr abwechs-
ungsreiche und eigenständige Platte, die irgendwo zwischen, sagen wir mal, den | BOSSTONES, SKUNK ANANSIE und den DANCE HALL CRASHERS liegt. Es I sind ausschließlich selbst geschriebene Nummern und auch äußerlich unterschei­ det sich das Stück von den meisten selbst gemachten Erstlingen durch aus­gezeichnete Grafik mit allen Texten im kleinen Booklet. In Harmonie stehen eher fröhliche Ska-Nummern (Hit: 'This Way') neben dunkleren, wütenderen Crossover- Nummern (Hit: 'Memories'). Das wohl Ungewöhnlichste an VENUS HILL sind die drei Frauenstimmen, die sich sonst | fast keine aktuelle Band leisten kann. Lalaine, Karolien und Sylvia teilen sich ■ die Gesangsparts normalerweise ohne allzu große Diskussion. „Natürlich gibt es immer mal einen neuen Songteil, den wir alle gerne mögen, aber wir haben drei sehr unterschiedliche Stimmen mit ihren | ganz eigenen Stärken und Schwächen." Und auch mit den männlichen Groupies verhält es sich bisher eher zurückhaltend.; „Wir hatten bisher nur einen Heirats-antrag im Gästebuch... Ich finde es nicht weiter schwierig, als Frau im Ska- oder Metalbereich zu sein." Das Feedback ist bisher ausschließlich gut, die Leute mögen die CD offenbar so sehr, dass bereits eine Kiste davon aus dem Auto des Bassisten gestohlen wurde. Beschaf­fungskriminalität besteht auch bei Musik- ] Junkies. Wie es zumeist mit Ska-Bands ist, selbst wenn es sich um eine Crossover-Band handelt, ist es schwierig, die zehn Mitglieder zu koordinieren. „In Holland dürfen nur maximal 9 Leute in einem Bus i sitzen, so müssen wir für weiter entfernte Auftritte stets unseren Trompeter aufs Dach binden.... Nein, natürlich ist es schwierig. Aber wir haben inzwischen [ eine Besetzung, für die VENUS HILL sehr weit oben in der Prioritätenliste steht. Wir würden auch wahnsinnig gerne mal auf Tour gehen. Wir waren noch nie außer- halb der Niederlande, außer einmal. Da haben wir uns auf dem Weg zu einem Konzert verfahren und waren auf einmal in Deutschland. Aber wir würden dort | wirklich gerne ein paar Auftritte haben, wir hören, dass ihr Leute verrückt nach | Ska seid?" Es ist immer schwer, auch im I vereinigten Europa die Ländergrenzen zu durchbrechen, aber bei dem Ruf als bahnbrechende Live-Band, den sich VENUS HILL inzwischen in den | Niederlanden erarbeitet hat, und ange-sichts der doch geringen räumlichen Entfernung, sollte dieser Wunsch kein unerfüllbarer sein...                               flo

Kontaktadresse www.venushill.net
Track-Nr. „Paradox" (3:13)

Aktueller Tonträger: CD „Whatever"